LookAtChess
So etwas gab es vorher nicht. Was diese Fallstudie für Ihr Projekt bedeutet.
Honoring Aesthetics of Chess
Vorgeschichte
Fernschach hat eine lange Tradition: Früher spielte man per Postkarte — ein Zug pro Brief, eine Partie über Monate. Heute übernimmt das Smartphone diese Rolle, das Prinzip aber ist geblieben: Die Gegner haben Wochen Zeit, über einen einzelnen Zug nachzudenken. In einer schnelllebigen Welt, in der kaum Zeit für eine volle Partie am Stück bleibt, war Fernschach für uns lange die einzige praktikable Art zu spielen. Irgendwann stand die Frage im Raum: Wie wäre das mit einem echten Brett? Aber ein normales Schachbrett verstaubt, wenn man wochenlang auf den nächsten Zug wartet. Also: an die Wand damit — als Kunstobjekt, immer sichtbar, immer bereit. Schach verdient es, wie Kunst behandelt zu werden. Die Idee war geboren.
Das Brett in Aktion
Wie baut man so etwas? Gibt es das schon? Eine kurze Recherche war ernüchternd: es gab weder ein ästhetisch ansprechendes Schachbrett für die Wand, noch war ein einziges fähig, im Internet zu spielen. Also: selbst entwickeln.
Die Anforderungsliste war lang: Elektronik, Firmware, Hall-Sensoren, Magnete, LED-Beleuchtung, Figuren, Design, eine licht- und magnetfeld-durchlässige Abdeckung, plus eine Smartphone-App für Einstellungen und Spielverwaltung.
Aber ein Kunstobjekt darf nicht billig wirken oder aus Plastik sein. Also Porzellan. Das macht es erst richtig anspruchsvoll. Und das Ergebnis erst richtig besonders.
Disziplinen auf einen Blick
Systemdenken als Methode
Sechs technische Domänen, ein Projekt. Entscheidend war nicht die schiere Breite, sondern dass keine dieser Disziplinen isoliert funktionieren konnte.
Die härteste Herausforderung war das Zusammenspiel von Frontabdeckung und Sensor-Array. Die Magnete in den Figuren erfüllen zwei Funktionen gleichzeitig: Sie halten die Figuren an der Wand, und das Sensor-Array erkennt über sie, welche Figur auf welchem Feld steht. Ein Metallblech mit Lichtschlitzen als naive Lösung scheitert: Licht und Haftkraft wären gelöst, aber die Sensorerkennung würde blockiert. Lichtdurchlässigkeit, Magnetfeld-Durchlässigkeit und Design unter einen Hut zu bringen war der Kern des Problems. Solche physikalischen Zielkonflikte lassen sich nur durch Systemdenken auflösen.
Für Ihr Projekt: Wenn sich bei Ihnen zwei physikalische Anforderungen widersprechen, ist das nicht das Ende der Entwicklung — sondern der Anfang unserer Methodik.
Warum wir das erzählen
LookAtChess ist keine Produktvorstellung. Es ist der Nachweis, dass wir technische Herausforderungen nicht nach Disziplingrenzen sortieren. Wenn Ihr Projekt Hardware, Firmware, Software, Design und individuelle Webentwicklung unter einen Hut bringen muss, dann haben wir genau das bereits getan. Von der ersten Anforderungsanalyse bis zum funktionsfähigen Prototyp — inklusive Branding und digitaler Produktpräsentation. Alles aus einer Hand.
Interaktives Schacherlebnis
Die Tür zur Produktseite war kein Button — sie war ein Schachbrett. Wer LookAtChess sehen wollte, musste erst ein Schachrätsel lösen, direkt im Browser. Dahinter steckt angewandte Lernpsychologie. Der Mechanismus: Denken — Bewegen — Belohnen. Denken aktiviert Problemlösungsmodus, Bewegen verankert über motorisches Gedächtnis, Belohnen (das Matt) setzt Dopamin frei — und das Gehirn speichert, was dem Belohnungsmoment vorausging. Das Produkt wird nicht gesehen, sondern erlebt. Und was man tut, vergisst man nicht.
Doch Schach ist mehr als Problemlösung. Es ist Ästhetik — die Fähigkeit, mit 32 Figuren etwas zu erzeugen, das Jahrzehnte überdauert und Menschen bewegt, die die Partie nie selbst gespielt haben.
Deshalb haben wir das Puzzle um einen interaktiven Partien-Viewer erweitert. Elf Meisterpartien, die zu Recht „unsterblich" heißen — nicht weil Schachhistoriker sie sezieren, sondern weil sie jeden mitreißen, der sie nachspielt. Anderssens „Unsterbliche" von 1851: Er opfert Dame, beide Türme — und setzt mit drei verbliebenen Figuren matt. Nimzowitschs „Zugzwang-Partie": Jeder Zug des Gegners verschlimmert nur die eigene Lage, ein langsames, unentrinnbares Ersticken. Tals taktisches Feuerwerk von 1965: Ein Angriff, der jeder konventionellen Logik widerspricht — und trotzdem gewinnt.
Jede Partie zeigt eine andere Facette der Schachästhetik: das positionelle Opfer, bei dem Schönheit über Material gestellt wird. Die erstickende Umklammerung, die den Gegner nicht schlägt, sondern umarmt — bis zur Bewusstlosigkeit. Den brillanten Schlussangriff, der nicht berechnet, sondern gesehen wird.
Wer diese Partien Zug für Zug nachvollzieht, erlebt Schach als das, was es im Kern schon immer war: Kunst.
Die implizite Markenbotschaft: Wer die Vermittlung mit dieser Sorgfalt inszeniert, hat auch in der Entwicklung nichts dem Zufall überlassen.
Erleben Sie selbst:
Entwicklungsprozess
Design der Figuren
Für ein wandmontiertes Schachspiel gab es keine passenden Figuren auf dem Markt. Die Anforderungen: gleiche Höhe, flache Rückseite, eingelassener Magnet, gut bespielbar, zeitlos-minimalistisches Design. Die Figuren sind heute als Geschmacksmuster beim Deutschen Patent- und Markenamt geschützt.
Bauer
Springer
Läufer
Turm
Dame
König
Formenbau-Prozess für Keramikfiguren
Die Schachfiguren entstehen in einem mehrstufigen Gießverfahren:
Keramik-Prozess im Detail
Nach dem Guss folgen kontrollierte Trocknung, zwei Brände (Schrühbrand bei ca. 950 °C, dann Glasurbrand) und schließlich die Montage von Magneten und Filzböden. Jeder Brand bedeutet Schwindung; nicht jedes Stück übersteht den Ofen. Mehrere Keramiker lehnten die Zusammenarbeit ab: zu komplex, zu filigran, zu hohe Ansprüche an Maßhaltigkeit. Also haben wir die gesamte Prozesskette selbst entwickelt: vom Brennofen mit Spezialhalterungen für rückseitiges Glasieren ohne Verschmelzen mit der Ofenplatte bis zur Beherrschung des Materialschwunds über alle Prozessschritte. Keramik ist eine Wissenschaft für sich — wir beherrschen sie.
Der gesamte Prozess ist darauf ausgelegt, dass ihn jede kleine Keramikwerkstatt ohne Spezialausrüstung reproduzieren kann. Die Idee: lokale Künstler fertigen und bemalen die Figuren in Serie.
Vom Prototyp zur Website
Für die Online-Präsenz entwickelten wir eine maßgeschneiderte Produktwebsite mit interaktivem Schachpuzzle, virtueller 3D-Produktfotografie per Blender und Python, und einem Workflow, den wir heute auch unseren Kunden anbieten.
Erster funktionsfähiger Prototyp